Der RNA-Impfstoff wird bei anderen schweren Erkrankungen helfen.

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Auch RNA-Impfstoffe gegen Covid-19 sind im Einsatz. Die Forscher zeigen nun, dass ein solcher Impfstoff in Zukunft Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose stärken könnte. Auch eine breitere Anwendung der Technik ist möglich.

RNA-Impfstoffe schützen gegen die Infektionskrankheit Covid-19 und werden auch gegen Krebs getestet. Nun zeigen Forscher um den Mainzer Arzt und Biontech-Gründer Ugur Sahin, dass solche Wirkstoffe auch bei Autoimmunkrankheiten wie Multipler Sklerose (MS) helfen können. In einer Probe, so schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift Science, verbesserten sie bei Mäusen die Symptome einer MS-ähnlichen Erkrankung deutlich.

Ein unabhängiger Experte spricht von sehr spannenden Daten, mahnt aber zur Vorsicht. “Man weiß nie, ob das beim Menschen auch so gut funktioniert”, sagt Ralf Gold, Vorsitzender des medizinischen Beirats der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG).

Sahin sagte, man prüfe derzeit die Verträglichkeit dieses Ansatzes und treffe Vorbereitungen, um ihn am Menschen erforschen zu können. In etwa zwei bis drei Jahren könnten die klinischen Studien beginnen, “wenn alles nach Plan läuft”. Darüber hinaus werden RNA-Impfstoffe neben Krebs auch für andere Anwendungen getestet, unter anderem für chronische Entzündungskrankheiten wie Arthritis.

Im Dezember wurde mit BNT162b2, produziert von Biontech gegen Covid-19, der erste RNA-Impfstoff überhaupt zugelassen. Dieser Impfstoff enthält das genetische Material des Erregers, aus dem der Körper dann ein virales Protein herstellt. Ziel ist es, das Immunsystem zu aktivieren, damit es im Falle einer Infektion Antikörper bildet, um das Sars-CoV-2-Virus abzufangen.

Einen anderen Zweck verfolgt der Impfstoff gegen Multiple Sklerose (MS), bei dem das Immunsystem das Material Myelin schädigt, das die Nervenfasern umhüllt. Hier soll ein Impfstoff dafür sorgen, dass das Myelin von der körpereigenen Abwehr akzeptiert wird und keine angreifenden Immunzellen oder Antikörper produziert. In Deutschland führt eine Schädigung der Myelinscheide zu motorischen Problemen wie Lähmungen, von denen über 250.000 Menschen betroffen sind.

Wir suchten nach einem therapeutischen Ansatz, der die natürlichen Mechanismen der Immuntoleranz nachahmt”, schreiben die Forscher, die größtenteils an der Mainzer Uniklinik arbeiten. Gleichzeitig sollte das Immunsystem durch die RNA-Impfung aber nicht beeinträchtigt werden – etwa beim Schutz vor Krankheitserregern.

Der RNA-Impfstoff enthält den Bauplan (RNA) für das MOG-Material (Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein) – ein Teil der Myelinscheide, auf den bei MS heftige Autoimmunreaktionen abzielen. Der Impfstoff ist so konzipiert, dass das Protein vom Immunsystem toleriert wird. “Mit dem RNA-Therapieansatz induzieren wir die Bildung von Immunzellen, die schützend wirken, so dass das Gewebe nicht angegriffen wird”, erklärte Sahin.

In Mäusen mit experimenteller autoimmuner Enzephalomyelitis (EAE) testete das Mainzer Team die therapeutische Wirkung. Dieser Erkrankung, ähnlich der Multiplen Sklerose, liegen entzündliche Prozesse gegen Bestandteile des Myelins zugrunde. Die Impfung verstärkte die Entzündungsreaktionen in den Mäusen und verhinderte das Fortschreiten der Krankheit. Gleichzeitig reagierten Krankheitserreger wie die Bestandteile von Grippeviren weiterhin auf das Immunsystem.

Die Fähigkeit der Mäuse, eine schützende Immunantwort aufzubauen und neutralisierende Antikörper zu bilden, blieb unbeeinflusst.”

In einem weiteren Schritt zeigten die Forscher, dass auch zusätzliche Immunzellen gegen Myelin durch die Impfung nicht ausgelöst wurden. Das ist bedeutsam, denn dieser sogenannte Bystander-Effekt, bei dem die Myelinscheiden in einer Kaskade nach und nach von anderen Immunzellen angegriffen werden, spielt bei der Multiplen Sklerose eine wichtige Rolle. Insgesamt legen die Ergebnisse den Grundstein für eine spätere klinische Anwendung der Methode bei Autoimmunerkrankungen, so die Forscher.

Diese Übertragung auf den Menschen sieht DMSG-Experte Gold als den entscheidenden Knackpunkt an. “Die Studie beweist, dass die Impfung bei Mäusen hervorragend funktioniert”, sagt der Direktor der Neurologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum. “Aber das ist nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragbar.”

Immer wieder seien Wirkstoffe, die sich im Tierversuch als vielversprechend erwiesen haben, beim Menschen gescheitert. Das liege zum einen daran, dass das menschliche Immunsystem sehr komplex ist. Zum anderen sei der Mensch viel komplexer als die eng beschriebenen Mäusestämme, die in Studien verwendet werden, sagt Gold.

Sahin ist sich dieser Problematik durchaus bewusst. Die Methode soll nun an verschiedenen menschlichen Immunzellen im Labor überprüft werden, sagt er. Jede Person kann einen anderen Typ von Multipler Sklerose haben, sagte er, jede mit einem spezifischen Muster der Autoimmunität. In der aktuellen Studie sei es den Forschern gelungen, mit einem einzigen Antigen eine Toleranz des Immunsystems gegenüber dem gesamten Myelin-Gewebe in Mäusen zu induzieren, sagte er.

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