Corona: Verschiedene Stadien einer Krankheit oder einzelne Spätfolgen?

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Extreme Erschöpfung, Atemprobleme, Schlaganfälle nach einer akuten Covid-19-Erkrankung – Mediziner machen sich nun zunehmend Gedanken über die Langzeitfolgen einer Infektion mit Corona. So sehr, dass Wissenschaftler von verschiedenen Stadien der Krankheit sprechen.

Derzeit geht es vor allem um die akute Erkrankung nach einer Infektion mit dem Corona-Virus, denn die Infektionsraten sind erhöht und die Krankenhäuser sind massiv mit Covid-19-Patienten belegt. Doch bei vielen Patienten bleibt Corona auch nach der Genesung mit Langzeitfolgen behaftet, so dass die Forscher vermuten, dass Covid-19 nicht mit der anfänglichen akuten Erkrankung endet, sondern stufenweise fortschreitet und in manchen Fällen in anderer Form wiederkehrt.

Nach dem akuten Corona-Ausbruch, zwei weitere Krankheitsphasen

Laut einem Bericht von US-Forschern in der Fachzeitschrift Jama kann die Corona-Krankheit neben der akuten Erkrankung unmittelbar nach der Infektion zwei weitere Stadien haben, die ab der zweiten und vierten Woche nach der Infektion auftreten können. Laut den Forschern Deblina Datta, Amish Talwar und James T. Lee trifft dies zwar nicht auf jede Person zu, die sich mit dem Coronavirus infiziert hat oder an Covid-19 erkrankt ist, ist aber häufig genug, um bezogen auf die Gesamtbevölkerung eine bedeutende Rolle zu spielen.

Aktuelle Studien zu Corona und Covid-19 sind hier zu finden.

1. Hyperinflammation führt zu abnormalen Immunantworten.

Die erste der beiden zusätzlich berichteten Krankheitsphasen tritt recht selten auf: Hier kommt es etwa ab der zweiten bis fünften Woche nach der Coronavirus-Infektion zu überschießenden Immunreaktionen, die Entzündungsprozesse in verschiedenen Organen aktivieren, diese schwer schädigen oder sogar zum Organversagen führen können. Dieses hyperinflammatorische Syndrom, das auch zum Tod führen kann, betrifft besonders häufig das Herz, die Niere oder die Lunge.

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2. Bei der Mehrzahl der Corona-Patienten wiederkehrende Langzeitfolgen

Die zweite der von den Forschern entwickelten weiteren Phasen der Covid-19-Krankheit tritt etwa in der vierten Woche nach der Coronavirus-Infektion auf. Wann sie endet, lässt sich nicht sagen, da sie bei nicht wenigen Patienten tatsächlich noch nicht abgeschlossen ist. In diesen Prozess beziehen die Forscher eine ganze Reihe von Spätfolgen ein, von denen einige bei der Mehrzahl der Erkrankten auftreten. Diese Betroffenen versammeln sich im Internet unter dem Hashtag #LongCovid. Es kann sogar Corona-Infizierte treffen, die akut überhaupt keine Symptome hatten.

Lesen Sie hier, was wir bereits über späte Corona-Erkrankungen wissen.

Was passiert, wenn unser Immunsystem vom Coronavirus angegriffen wird?

Bereits im Juli 2020 wurde in einer Studie mit 143 Corona-Patienten in Italien festgestellt, dass die Mehrheit auch zwei Monate nach der Genesung noch unter einem oder mehreren Symptomen litt, darunter meist extreme Schwäche und Kurzatmigkeit, aber auch Schmerzen in den Gelenken oder der Brust, Husten oder Geruchsverlust. Diese Symptome erinnern an den Zustand der “chronischen Müdigkeit” oder ME/CFS, der nach mehreren Infektionen, einschließlich Drüsenfieber, auftreten kann.

Auch die Erlanger Neurowissenschaftlerin Jessica Freiherr berichtete im September im Bayerischen Rundfunk, dass vier Wochen nach der Erkrankung nur etwa die Hälfte der Corona-Infizierten wieder riechen konnte.

Ganz oben auf dem Nasendach befinden sich die Geruchsrezeptoren. Sie sind quasi die Verbindung zum Gehirn von der Außenwelt. Dass wir diese Auswirkung bei der Infektion mit dem verminderten Geruchssinn haben, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch andere neurologische Schäden nachgeschaltet sind. Prof. Jessica Freiherr, Neurowissenschaftlerin, Universitätsklinikum Erlangen

Auch schwere Langzeitfolgen möglich
Vor allem auch neurologische Schäden machen den Patienten zu schaffen: Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und Konzentration schränken etliche noch lange nach der Genesung von der akuten Covid-19-Erkrankung stark ein.

Es kann aber auch zu sehr schweren Spätfolgen kommen, so Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Es gäbe Fallberichte aus Singapur, wo vierzigjährige Patienten Wochen nach der Corona-Erkrankung einen Schlaganfall oder Thrombosen erlitten haben, weil offenbar die Gerinnungsneigung erhöht sei. Und dabei muss weder der Krankheitsverlauf schwer gewesen sein, noch der Patient einer Risikogruppe angehören:

“Wir sehen zunehmend auch mehr jüngere Leute unter 30, die einen relativ leichten Verlauf der Infektion hatten und die trotzdem über schwere Konzentrationsstörungen und auch Abgeschlagenheit, Müdigkeit klagen. Wir haben hier einen Symptomkomplex, den wir erst beginnen zu verstehen. Und diese Post-Covid-Syndrome werden sicher eine Herausforderung werden für die Gesundheitssysteme in der ganzen Welt.” Oliver Keppler, Virologe
Einzelfälle des Guillain-Barré-Syndroms nach Covid-19-Erkrankung

Selten tritt auch eine sehr schwere Komplikation auf, das Guillain-Barré-Syndrom (GBS). Dabei handelt es sich ebenfalls um eine überschießende Immunreaktion, die mit Bakterien oder Viren wie dem Zika-Virus assoziiert ist, die aber nicht an die Organe, sondern an die Nerven geht, dort Entzündungen hervorruft und die Nerven schädigt: Diese leiten keine Reize mehr weiter, die Folge sind Muskellähmungen. Meist beginnen sie an den Beinen, dann breiten sich die Lähmungen aus in die Arme und weiter ins Körperinnere. Das Syndrom kann bis zur vollständigen Lähmung gehen, die auch eine künstliche Beatmung notwendig macht. Bislang sind nach Schätzung von Berlit weltweit nur etwa hundert dieser schweren Corona-Folgen aufgetreten, in Deutschland schätzt er etwa zwanzig Fälle. Die meisten würden aber auch wieder vollständig genesen. Doch die Heilung zieht sich über viele mühsame Monate hin.

Post-Covid-Syndrom oder Long Covid – ein neues Krankheitsbild
Noch ist es zu früh, um über die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung sichere Kenntnis zu haben – dafür ist die Erkrankung noch zu jung. Doch die Studien zu Spätfolgen laufen, etwa im Universitätsklinikum und der Universität Würzburg mit dem Forschungsprojekt Covidom. Ob und wie viele der Spätfolgen vielleicht gar nicht mehr heilbar sind, ist ebenfalls nach wie vor unbekannt:

“Wir werden die Frage möglicher Spätschäden frühestens im Lauf des Jahres 2021 valide beantworten können. Bis zu einem Jahr können sich neurologische Symptome zum Glück noch zurückbilden.” Peter Berlit, Generalsekretär der Dt. Gesellschaft für Neurologie

Doch es geht bei den Spätfolgen nicht um vereinzelte Ausnahmen oder individuelle Schädigungen, sondern um ein eigenes, zu Corona gehöriges Krankheitsbild, das wollen die US-Forscher mit ihrer Studie zu den verschiedenen Covid-19-Phasen verdeutlichen: Selbst wenn die akute Infektions- und Krankheitslage durch das Coronavirus entschärft sei, werde Covid-19 die Medizin noch lange beschäftigen – als ganzes Spektrum von Krankheiten in Verbindung mit SARS-CoV-2, dem Coronavirus.

Diese Einstellung teilt auch der Chefarzt des Lungenzentrums an der München Klinik, Joachim Meyer:

“Es bleibt eine neue Erkrankung, die wir kennenlernen müssen.” Joachim Meyer, Pneumologe, Lungenzentrum München Klinik

Eine Vermutung jedoch hat Meyer: Das Auftreten von Spätfolgen nach einer Corona-Infektion könne durchaus mit der Virenlast zusammenhängen, also mit der Menge an Coronaviren, der man ausgesetzt war. Genau deshalb sei es so wichtig, sich mit Masken vor einer Infektion zu schützen.

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